Amalfiküste,  Italien,  Neapel

Costiera Amalfitana

Mit dem Roller an die Amalfiküste

Die Amalfiküste ist der Inbegriff des mediterranen Lebensgefühls und ein legendärer Küstenabschnitt der süditalienischen Halbinsel Sorrente. Die steil verlaufende ca 50 km lange Küstenstraße von Vietri bis Massa Lubrense, entlang des Golfs von Salerno, ist gesäumt von Hängen, in denen  sich elegante Villen zwischen Weinbauterrassen und Zitronenhainen schmiegen. In Goethes Italienischer Reise völlig unerwähnt gelassen, verkörpert der berühmte Küstenabschnitt, der seit 1997 in die Liste des UNESCO -Welterbes aufgenommen wurde, die italienische Lebenskunst und den Traum des Bella Vita wie kein anderer Ort. Allen voran der Küstenort Positano, Schauplatz unzähliger Filmproduktionen, verzaubert das kleine Fischerdorf mit seinen schmalen Gassen, der kleinen Sandbucht und dem bunten Häusermeer, dass sich wie von Hand gezeichnet an die schroffen Steilwände der Küstenregion bettet. Da die Amalfiküste auch eine beliebte Jetset-Destination ist und hier die Preisschere mitunter in schwindelerregende Höhen klafft, ist sie nicht gerade Anlaufstelle für den Low-Budget-Tourismus. Dennoch ist es möglich, die sonnigen Küstenstädte mit Stil, jedoch kostengünstig, zu bereisen – wir machen es vor!

Im Zuge unseres Städtetrips nach Neapel, planen wir einen Tagesausflug an die Costiera Amalfitana. Wir wollen aber nicht mit dem Zug oder Bus dorthin gelangen, sondern natürlich auf die klassische Weise – mit einem Roller! Dennoch sollte man sich zuvor der Gefahr aufgrund des rasenden Verkehrs und des konstanten Chaos auf Neapels Straßen bewusst werden. Da mein Mann täglich mit seiner Vespa in Wien unterwegs ist, vertraue ich auf seine Fahrkünste und lasse mich schnell zu einer Rollertour überreden. Wir starten auf der A3 und folgen danach in gemütlicherem Tempo der Bundesstraße SS163. Am frühen Vormittag sind Neapels Straßen noch halbwegs überschaubar. Der Weg aus der Stadt gestaltet sich somit mühelos und dank strahlendem Sonnenschein überstehen wir die knapp 60 km lange Wegstrecke etwas durchgefroren, jedoch heil. Entlang der Küste ist das Panorama einzigartig! Über uns der blaue Himmel, unter uns das glitzernde Meer und dazu die lieblichen pastellfarbenen Dörfchen. Erster Stopp wird in Amalfi eingelegt. Es ist Anfang März und bereits so warm, dass ich in der Sonne mit kurzen Ärmeln sitzen kann. Nur wenige Lokalitäten haben zu dieser Jahreszeit bereits geöffnet, die kleine Bar an der Kieselbucht ist weit und breit die einzige Anlaufstelle. Dafür genießt man hier auch absolute Ruhe und direkten Sonnenschein. Meine wintergetrübten Augen müssen sich erst an so viel Licht gewöhnen. Die älteren einheimischen Herren nehmen zu unserem großen Erstaunen ein Bad im noch kühlen Meer. Ihrer wettergegerbten Lederhaut scheint die Erfrischung nichts auszumachen. Als einzige Gäste genießen wir lieber ein Glas Weißwein in der Sonne, das Meer zum Greifen nahe und halten danach nur testweise die Zehenspitzen ins Wasser. Nur wenige Touristen verirren sich zu dieser Jahreszeit in das schmucke Städtchen, nur vereinzelt sind Souvenirshops geöffnet. Nach einem kleinen Streifzug durch die Stadt, verweilen wir noch ein wenig auf den warmen Stufen vor der Kathedrale auf der Piazza del Duomo. Die Zeit scheint in diesem Ort still zu stehen.

Von der Sonne gut aufgewärmt, geht es weiter mit dem Roller nach Positano. Mittlerweile ist es so warm geworden, dass ich die vielen Schichten meines Gewandes ablegen kann und nur mit einer dünnen Jacke bekleidet und den offenen Schuhen auskomme. Bedarf es da noch mehr Dolce Vita als wird gerade genießen? Den Serpentinenstraßen folgend, nähern wir uns dem berühmten Küstenabschnitt. Die Stadt selbst erreichen wir durch einen steil bergabführenden Steinweg, über kurvenreiche und schmale Altstadtgassen. Während der Sommermonate muss der Küstenort wohl aus allen Nähten platzen, denn in Realität ist Positano viel kleiner als erwartet! Beinahe alle Cafés und Boutiquen befinden sich noch im Winterschlaf, viele Häuschen werden frischen gestrichen und restauriert. Aber zumindest genießt man hier Ruhe und Abgeschiedenheit, wie sie zur Hochsaison ganz gewiss nicht gegeben wäre. In einem der wenigen geöffneten Cafés finden wir einen schönen Platz auf der sonnengefluteten Terrasse, mit direktem Blick aufs Meer und auf die bunten Häuser, die sich eng an die Felsküste krallen. Der Sonnenuntergang muss hier wahrhaft spektakulär wirken! Die bunte Kuppel der Kirche Santa Maria Assunta ist von hier oben aus betrachtet, besonders sehenswert. Nach einer gefühlten Ewigkeit begeben wir uns auf die Suche nach einem Restaurant und werden direkt an der Bucht fündig. Immerhin hat es eine Gruppe asiatischer Touristen auch hierher geschafft und wir sind doch nicht die Einzigen. Der frische Fisch schmeckt direkt neben dem Meer gegessen, einfach nochmal viel besser. Ein Straßenkünstler hat seine Staffelei ausgepackt und versucht die Szenerie einzufangen. Es gibt Orte auf dieser Welt, die lassen sich nicht durch Worte oder Bilder einfangen, sie müssen mit dem Herzen betrachtet werden – Positano zählt gewiss dazu. Wir nehmen uns viel Zeit und genießen den Moment. Noch einmal halte ich meine Füße ins kühle Wasser, dann verabschiede ich mich für ungewisse Zeit vom Meer, lasse meine Blicke in die Ferne schweifen. Als wir dann den Heimweg antreten, sehen wir den Sonnenuntergang von unserem Roller aus betrachtet aus nächster Nähe. Ein prächtiges Farbenspektrum aus orange, lila und rosarot – ein gelungener Tagesausflug an der Costiera Amalfitana neigt sich dem Ende zu. 

Mittlerweile ist es, bedingt durch den Fahrtwind, klirrend kalt auf dem Roller geworden. Das erwartete Verkehrschaos schlägt natürlich auf der A3, Richtung Innenstadt gnadenlos zu! Scheinbar existieren in dieser Stadt keine Verkehrsregeln, auch die Fahrspur ist nur nette Dekoration auf dem Asphalt. Wo sich eine Lücke zwischen den fahrenden Autos auftut, da flitzen die Roller hindurch. Im Slalom wird sich ein Weg durch den starken Abendverkehr gebahnt. Als würde man einen Faden in ein schmales Nadelöhr pressen, quetschen sich die Roller zwischen den Autos, bei vollem Tempo, hindurch. Dennoch wirken die Verkehrsteilnehmer gelassen ob des Chaos – wenn man tagtäglich mit dem gefährlichsten Vulkanberg Europas leben muss, sind chaotische Verkehrsszenarien gewiss die geringste Sorge! Derartiger Fahrstil gleicht einem Kunstwerk und voller Anerkennung danke ich den Göttern dafür, dass sie uns am Ende des Tages wieder heil nach Hause geleiten. „Vedi Napoli e poi muori“, Neapel sehen und sterben – bestimmt hatte der Verfasser dabei das neapolitanischen Verkehrschaos vor Augen – zum Glück hat sich der berühmte Spruch nicht bewehrt!

Hinterlasse einen Kommentar

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei