Jakobsweg,  Spanien

Jakobsweg #9 – Die Wiederbegegnung mit dem Schnarcher

Von Puente la Reina nach Estella

Über die Brücke von Puente la Reina verlasse ich die Stadt. Das Landschaftsbild verändert sich – auf dem Weg nach Estella wird der Pilgerweg immer ebener, die hügelige Berglandschaft wechselt über in eine langgezogene Ebene, vorbei an Feldern, Olivenhainen und vereinzelten Weinstöcken. Bald werde ich das Baskenland hinter mir lassen und endlich in die fruchtbare Weinregion La Rioja eintauchen. Die Architektur der kleinen Dörfchen mutet jetzt gedrungener an, an den unebenen Wänden der Natursteinhäuser ranken Weinreben empor. Auch die Farben verändern sich – die Erde wird rötlicher, die Weizenfelder goldener. Seit ich die bergige Region hinter mir gelassen habe, verspüre ich ein schmerzhaftes Ziehen in meiner linken Kniekehle. Meine Schritte müssen daher dem körperlichen Empfinden entsprechend angepasst, das Gewicht beim Auftreten anders verlagert werden. Ich brauche des Öfteren eine kleine Pause um die Gelenke zu entlasten, wie schön, dass der Jakobsweg immer zum rechten Zeitpunkt ein Ruheplätzchen für mich bereithält! Die zona de descanso ist ein paradiesischer Rückzugsort inmitten einer Olivenplantage. Ein Windspiel schaukelt sanft in den knorrigen Ästen, arrangierte Holzbänke laden zum Verschnaufen ein, das freistehende Bücherregal zum Schmökern. Gemächlichen Schrittes erreiche ich am frühen Nachmittag die Stadt Estella, auf Baskisch Lizarra.

Estella ist mit einer der schönsten Städte, die ich auf meiner Reise entlang des Jakobsweges entdecken werde. Die Stadt liegt in einem Talbecken und wird von dem Fluss Ega, ein Ebro-Zufluss, durchzogen. Parallel zur Flussader verläuft der alte Stadtkern und verleiht dem Örtchen sein unverkennbares, idyllisches Flair. Zudem gibt es ein breitgefächertes Angebot an Unterkünften und Herbergen. Im sehr empfehlenswerten Ágora Hostel, einer Art Luxus-Hostel, fühle ich mich auf Anhieb wohl! Auch meine Pilgermama ist einige Stunden zuvor in derselben Unterkunft abgestiegen, somit teilen wir uns das Stockbett. Dazu lässt sich sagen, dass es sich beim Stockbett eigentlich mehr um eine Schlafkabine handelt, mit separaten Licht, Steckdosen, Safe und einem Vorhang ausgestattet. Wohlfühlfaktor inklusive! Trotz Schlafsaal freue ich mich schon sehr auf eine entspannte Nacht, bis – ja man ahnt es, der Vorhang der Kabine neben mir sich öffnet und zum Vorschein komm: Peter, alias DER SCHNARCHER. Wie groß kann die Wahrscheinlich sein, dass man zwei Mal auf dieselbe Nervensäge trifft??? Tja, den schwarzen Peter hab wohl ich gezogen! Sofort fällt mir die Kinnlade herunter und vorbei ist es mit der anfänglichen Euphorie. Als ich mich später mit Regina in den Gassen der Altstadt wiederfinde, weise ich sie genervt darauf hin, dass wir heute Nacht kein Auge zumachen werden.

Der Anblick der zauberhaften Altstadt entschädigt mich jedoch rasch wieder für den erlittenen Schock. Wir flanieren durch die engen Gassen, setzen uns auf die sonnengewärmten Steinplatten neben dem Fluss und genießen den schönen Moment. Das ist das Wunderbare an der Pilgerei: jeden Tag darf man das Privileg genießen, als Gast in einem der unzähligen spanischen Dörfer und Städte zu verweilen. Im Geiste fertige ich bereits eine Liste von all den spanischen Orten entlang des Caminos an, die ich unbedingt noch einmal in meinem Leben besuchen möchte. Zurück auf der Plaza Mayor herrscht schon wieder emsiges Treiben. Die kleinen Straßencafés sind voll, jeder möchte ein Plätzchen in der Sonne ergattern, bevor sie hinter der Häuserkette des Hauptplatzes verschwindet. Das Bestellen fällt wieder mir zu, und so marschiere ich in die Bar und bestelle quer durch die Bank die präsentierten Pintxos an der Theke. Der Kellner lacht über unseren großen Appetit und als ich ihm erkläre, dass wir Pilgerinnen sind und die eine oder andere Kalorienbombe gut wegstecken können, da spendiert er uns, aus purer Sympathie heraus, die Runde Wein! Der purpurleuchtende Rosé Inurrieta Mediodía ist seine persönliche Empfehlung und wir genießen schwärmerisch jeden Schluck des edlen Tropfens. Es fühlt sich fast wie Urlaub an und beinahe vergisst man, dass man sich täglich im Schweiße seines Angesichtes unzählige Kilometer erwandert. Zum Sonnenuntergang möchte ich ein wenig Zeit für mich alleine genießen. Ich besorge mir ein Fläschchen Wein aus dem kleinen Feinkostladen welcher mir freundlicherweise gleich entkorkt wird ¡Qué aproveches, guapa!, (Genieße ihn, Hübsche) ruft mir der Verkäufer zu. Habe ich schon einmal erwähnt, wie sehr ich Spanien liebe??? Ich verziehe ich mich mit Wein und meinem Tagebuch hinunter an den Fluss. Das murmelnde Gewässer, die Stille um mich herum, die verschwimmenden Farben des Abendrots, dazu das Schreiben und der Wein haben einen meditativen Charakter. Ich ziehe Bilanz: Noch immer schmerzt mein linker Fuß und ich mache mir etwas Sorgen, ob der bevorstehenden Etappen. Morgen erreiche ich die Region La Rioja und den berühmten Weinbrunnen. Ab hier wollte ich die Kilometer meiner Tagesetappen erhöhen, wie es aussieht, ist mein Körper jedoch noch nicht bereit dafür… Nun gut, dann eben im Slow-Modus… Santiago wird mir ja nicht davon laufen!

Zurück in meiner noblen Hostel-Unterkunft, befinden sich meine Mitpilger bereits alle im Schlafmodus. Zapfenstreich um 21:00 Uhr ist scheinbar die Regel in der Bettenkommune! Nach schlafen ist mir aber noch nicht, immerhin ist dies der letzte Abend mit meiner Pilgermama, morgen wird sie ihre Heimreise antreten und darum wollen wir den Abend noch gemeinsam, mit meinem angerissenen Wein begießen. Zu unserem großen Erstaunen gesellt sich auch der Schnarcher zu unserer Mädels-Runde hinzu. Wider aller Erwartungen verbringen wir drei noch einen amüsanten Abend, es wird geblödelt und gelacht. Scherzhaft verspreche ich Peter, ihm ein paar aufs Maul zu klopfen, falls er es wagen würde, uns heute Nacht erneut ein Schnarch-Konzert zu  liefern. Ob es an meiner Drohung lag, der tollen Isolierung unserer Schlafkabinen, Peters Rücksichtnahme oder dann doch an der Nachwirkung des Weines – wie auch immer, letzten Endes konnte ich trotz Schlafsaal eine ungestörte Nachtruhe verzeichnen.

Mein Weg nach Santiago
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