Jakobsweg,  Spanien

Jakobsweg #11 – Vom Regen in die Traufe

Ich habe schlecht geschlafen und bin grantig. Trotz Schonung, schmerzt mein linker Fuß noch immer. Eine extrastarke Schmerztablette sowie ein Gel gegen Muskelzerrungen aus meinem Survival kit sollen Abhilfe schaffen. Soll ich heute die 30 km bis nach Logroño wandern wie geplant, oder lieber die entspannten 20 km bis Viana? Ich könnte verzweifeln… Wieso lässt mich mein Körper so im Stich?? Ich hab mich doch gut vorbereitet und mein Equipment auf sämtlichen Wanderstrecken getestet!!! Was mache ich nur falsch???

Während der ersten 10 km am Vormittag kann ich mich selbst nicht ausstehen. Alles nervt mich: Unausgeschlafen zu sein nervt, bei den hohen Temperaturen zu wandern nervt, Schwitzen nervt, der Rucksack ist schwer und nervt, die tropfende Wasserflasche nervt, meine Unschlüssigkeit nervt, der Fuß nervt, die Mitpilger nerven und pilgern an sich nervt mich heute nur noch… Im Geiste feuere ich eine Hasstirade nach der anderen ab und verfluche diese ganze Aktion hier. Ich tue mir selbst unendlich leid und auf einmal ist mein ganzes Leben nur noch beschissen. Ich flenne still vor mich hin und denke an all die Dinge, die ich jetzt viel lieber tun würde als blöd durch die Einöde zu hatschen und dabei auf die göttliche Eingebung zu warten. Ich fühle mich wie ein Versager und verfluche mein Leben. Ungefähr zwei Stunden lang bin ich mir selbst zu wider und richte meine verzweifelten Gedanken an diese höhere Macht oder Kraft, die alle Pilger dem Camino nachsagen: He, schick mir ein Zeichen!!!!

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Irgendwann bin ich erschöpft und mit meinem Negativismus am Ende. Ich ziehe meine Schuhe aus und lege mich unter einen Olivenbaum – von mir aus kann heute die Welt untergehen…Und danach passiert es: eine italienische Pilgergruppe fragt mich nett und höflich, ob es mir gut geht und ich Hilfe benötige? Alles Bestens, lüge ich, aber ihr Angebot, mit ihnen ein Stückchen weiterzugehen, nehme ich gerne an. Und das ist meine Rettung!!! Mit meinen bescheidenen Italienischkenntnissen und deren Spanischkenntnissen können wir uns gut unterhalten. Meine Schmerzen im Fuß sind kaum noch wahrnehmbar und die Gesellschaft der fünfköpfigen quirligen Gruppe tut mir gut! Plaudernd erreichen wir gemeinsam die Stadt Viana. Hier herrscht Ausnahmezustand, die Straßen sind voller Menschen weil irgendeine Fiesta im Gange ist. Die Gassen sind mit bunten Girlanden geschmückt, Partylaune pur und alle Bewohner tragen eine rot-weiße Tracht. Es ist Mittagszeit und ich werde eingeladen, mit meinen neuen italienischen Bekannten essen zu gehen. Wir verstehen uns prima und ich kann kaum glauben, dass ich noch vor wenigen Stunden einen Wutanfall schob. Die Frage, ob ich in Viana Halt mache oder weiter gehe, erübrigt sich – wie Selbstverständlich ziehe ich nach der Mittagspause mit den anderen weiter. Sie alle stammen aus unterschiedlichen Regionen Italiens und versichern mir, dass ich mindestens so italienisch wirke, wie sie selbst! Das große Interesse an meiner Person ist schmeichelhaft, vor allem nach meiner labilen Phase. Ich erfahre einiges über die regionalen Unterschiede ihres Landes, warum sie auf Pilgerreise unterwegs sind, wie lange sie schon wandern, wie weit sie wandern wollen und dass alle Logroño als heutiges Tagesziel angesetzt haben. Von der Landschaft nehme ich gar nichts mehr wahr, so vertieft sind wir in unsere Gespräche. Obwohl es unglaublich schwül ist und ich das Gefühl habe, dass meine Schuhsohle wie ein Kaugummi am staubigen Boden festklebt, bin ich dermaßen abgelenkt, dass wir es schließlich alle zusammen nach zweistündiger Wanderung bis nach Logroño schaffen. Am liebsten würde ich ihnen allen um den Hals fallen vor Freude und Dankbarkeit, dass sie wie die rettenden Engel zum richtigen Zeitpunkt heute in mein Leben getreten sind. Ich bin erschöpft, aber glücklich und vielleicht hat meine Raunzerei ja doch auf wundersame Weise Gehör gefunden!

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Den verbleibenden Tag verbringe ich in meiner Unterkunft in der Horizontalen. Obwohl ich die Hauptstadt der Rioja gerne besichtigen möchte, macht mir der Regensturm am späten Nachmittag einen Strich durch die Rechnung. Obwohl Logroño zu den Regionen mit den geringsten Niederschlägen zählt, herrscht aktuell Endzeitstimmung. Da ich aber irgendwoher Nahrung beschaffen muss und meine spanischen Freunde heute Abschied feiern, lasse ich mich dann noch auf einen Abstecher ins belebte Altstadtviertel, das sogenannte „Feuchte-Viertel“ in der Calle del Laurel, überreden. Laut Reiseführer reiht sich hier eine Tapasbar an die nächste – ein Muss für alle Tapas- und Weinfans also! In wenigen Sekunden bin ich bis auf die Knochen durchgeweicht und verfluche meine tolle Regenjacke, die absolut NICHT nicht Wasserdurchlässig ist!!!!! Dennoch wird der Abend feuchtfröhlich, mit Alkohol und vielen leckeren Tapas beendet. Wie es in Spanien so üblich ist, ziehen wir von Bar zu Bar, hängen an den Tresen ab, trinken ein Glas und essen dazu ein Tapas und dann geht’s auch schon zur nächsten Bar und dasselbe Spiel beginnt von Neuem. Ich bin wirklich traurig darüber, dass meine Amigos morgen nach Hause fliegen. Ich verabschiede mich von allen ganz herzlichst und werde sie ganz bestimmt immer in lieber Erinnerung behalten!

Mein Weg nach Santiago
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