Jakobsweg,  Spanien

Jakobsweg #13 – Die mutigen alleine reisenden Frauen

Von Navarette nach Cirueña

Tagwache um 6:00 Uhr früh. Navarette liegt noch im Tiefschlaf – meine Mitpilger wohl nicht, denn als ich mir in der Stille des Morgens einen Café in der Lobby holen möchte, stelle ich fest – alle Cafékapseln sind schon aufgebraucht worden und der Müll wurde fein säuberlich auf dem Tischchen verteilt liegen gelassen!! Bravo, fluche ich innerlich, ein hoch auf den Gemeinschaftsgeist der Pilgerschaft! Und das, obwohl ich in einer so noblen Posada residiere… Die gehobene Kategorie der Unterkunft sagt somit nichts über das egomanische Verhalten seiner Klientel aus. Andererseits frage ich mich – wer steht denn noch früher als ich auf???

Ein kurzer Blick auf die Wetter-App meines Handys verspricht es heute wieder einmal ein heißer sommerlicher Tag zu werden. Die frische Luft am Morgen ist trügerisch und ich kann keine Zeit verschwenden, indem ich bis 8:00 Uhr auf meinen Koffeinschub warte. Also mit leeren Energietanks raus auf den Camino. Meine zweitägige Rast hat mich gestärkt, ich fühle mich großartig, gut ausgeruht und bin bereit, mein Tagespensum zu modifizieren. Die meisten Pilger halten sich nach wie vor brav an die vom Reiseführer festlegten Etappen. Ab heute werde ich jedoch meine eigenen Etappen planen. Mein Endziel wird folglich Cirueña lauten. Während ich festen Schrittes an Strecke gewinne, lasse ich die morgendliche Ruhe auf mich wirken.

Schnell liegt die Stadt hinter mir. Wehmütig schwöre ich mir: eines Tages werde ich nochmal hierher zurückkommen. Egal wann, aber dieses Fleckchen Erde hat mich zutiefst berührt. In den Weinfeldern hängen noch träge die Nebelschwaden, die Tauben gurren, ich höre nur meine eigenen Schritte auf dem lehmigen Boden. Die einzige Pilgerin die ich während meines morgendlichen Aufbruches entdecke, hockt ein wenig abseits inmitten der Weinreben und tut, was die Natur zuweilen verlangt. So ist das eben auf dem Jakobsweg – Hemmungen müssen sehr schnell überwunden werden, sonst befände man sich auf dem falschen Trip. Da es heute Morgen keinen großen Pilgerandrang gibt, folge ich dem guten Beispiel und genieße unbefangen das Freiluftklo mit Ausblick auf die Weinberge der Rioja – könnte schlimmer sein. So langsam finde ich WIRKLICH in den Pilgermodus! Die Sonne lichtet sich am Horizont, der Tag bricht heran. Jetzt kann ich die Hügellandschaft um mich herum in seiner ganzen Pracht erfassen.  Nach gut 1,5 Stunden Fußmarsch erreiche ich den Ort Ventosa und gönne mir meinen wohlverdienten ersten Café des Tages. Danach warten rund 10 km Wegstrecke auf mich, ehe ich die nächste große Stadt erreichen werde. Als ich endlich zur Mittagszeit die Stadt Nájera erreiche, nagelt die Sonne wieder gnadenlos auf die pilgernden herab. Hier endet für viele die Tagesstrecke, aber ich möchte heute weiter wandern, rund 32 km. Einen kleinen Rundgang durch die Stadt gönne ich mir trotzdem. Immerhin pilgere ich offenen Augen und Herzens – ich möchte die Vielfalt und Schönheit Spaniens erfassen und nicht bloß auf Durchzug die Etappen abwandern. Nájera gefällt mir besonders gut, die schmucke Stadt schmiegt sich an eine rote Felsenwand, als würden sie eine Symbiose bilden. Ein freundlicher älterer señor weist mir, mit seinem Stock deutend, den gelben Pfeil des Pilgerpfades. Wildfremde Menschen nicken mir zu und grüßen mich, während ich flotten Schrittes die Altstadt passiere.

Die letzten 9 km bis nach Cirueña werden wieder zur Bewährungsprobe – die Sonne auf ihrem Zenit, gibt es weit und breit keine Bäume oder schattigen Plätzchen. Der heiße Wind sorgt nur bedingt für Abkühlung. Der Weg führt wieder über Felder und Schotterpisten, kein Mensch weit und breit. Wie staune ich, als am Wegesrand plötzlich eine kleine Einkaufstasche auftaucht, die bis obenhin mit Trinkflaschen bestückt ist! Die Bewohner geben wirklich Acht auf ihre Pilger. Seit unlängst in den Medien vom Tod eines Pilgers auf der Vía de la Plata, aufgrund von Wassernot, berichtet wurde, rückt die ausreichende Trinkversorgung der Pilgernden wieder verstärkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Gerade während der heißen Jahreszeit darf die Kraft der Sonne während der Wanderung nicht unterschätzt werden.

Um 14:30 Uhr erreiche ich, bis auf die Socken durchgeschwitzt, endlich mein Tagesziel. Doch wo bin ich hier? Irgendwo in der Ödnis, zwischen Weizenfeldern und Fernfahrstraßen erstreckt sich vor mir die „Stadt“. Das soll eine Stadt sein??? Cirueña kann ich nicht einmal als Mikrodorf bezeichnen werden – es wirkt eher wie eine aufgeschüttete Betoninsel inmitten der Felder. Besonders verwirrend ist auch, dass man über eine Umgehungsstraße in das benachbarte Ciriñuela gelangt. Nach einigen Momenten der Verwirrung gelange ich, einer langen Betonstraße folgend, an mein Ziel. Das einzige Highlight bildet die kleine Kirche vor dem Dorfplatz und genau vis-à-vis befindet sich in einem Reihenhaus meine Privatherberge Casa Victoria  Als ich mein schnuckliges Omama-Zimmer im Dachgeschoss beziehe tut es mir dann aber schon fast wieder leid, dass ich ein so abwertendes Urteil über die Stadt gefällt habe – nicht im Traum hätte ich mir ausgemalt, hier eine so nette Unterkunft vorzufinden. Die schrullige hospitalera erklärt mir, dass man sich in der Küche mit einer kleinen Spende von allem bedienen darf, Wein inklusive! Mein Pilgerherz erstrahlt vor Freude.

Mein bescheidenes Pilgermahl bekomme ich um 3,50 Euro in der einzigen Bar, 10 Meter von meiner Unterkunft entfernt. Keine anderen Pilger in Sicht – ein absolut ödes und verlassenes Kaff am Rande der Welt…Gesellschaft bekomme ich dann erst abends, als ich unter der Pergola meiner Unterkunft sitze und Tagebuch schreibe. Zwei Damen aus Uruguay suchen das Gespräch und sind gleich hell begeistert, als ich ihnen auf Spanisch antworte. Von ihnen erfahre ich, dass sie jedes Jahr nach Spanien reisen um auf dem Camino zu wandern. Im ganzen Stück laufen, wie ich, können sie sich nicht vorstellen. So berichten sie mir, dass sie letztes Jahr von Santiago de Compostela bis zum Kap Finisterre gepilgert sind; heuer wandern sie von Logroño bis nach Burgos. Ich habe schon einige Male von ähnlichen „zerstückelten“ Pilgerreisen erfahren, immerhin sind 800 km Wegstrecke nicht jedermanns Sache. Die Pilgerreise ist eben sehr individuell – jeder muss seinen Rhythmus finden um den Weg zu beschreiten. Die beiden señoras sind ganz erstaunt, dass ich hier so alleine unterwegs bin und bewundern meinen Mut, als Frau alleine mit dem Rucksack quer durch Spanien, entlang des Caminos zu pilgern. Ich freue mich über ihr Kompliment. Für mich ist das alleine Reisen am Jakobsweg ganz selbstverständlich und hat weniger mit Mut denn mit Wahnsinn zu tun. In den letzten Jahren habe ich mich sehr intensiv mit dem Jakobsweg auseinandergesetzt und Berichte von alleine Reisenden Frauen waren da keine Seltenheit. Dennoch fühle ich mich geschmeichelt und bin in diesem Moment sehr stolz auf mich. Zum perfekten Ausgleich des Tages schnappe ich mir noch einen vino aus der Gemeinschaftsküche und proste mir selbst, mit Blick auf den Sonnenuntergang gerichtet, zu – Auf die mutigen alleine reisenden Frauen!

Mein Weg nach Santiago
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