Jakobsweg,  Spanien

Jakobsweg #14 – Auf dem Weg ins kastilische Hochland

Von Cirueña nach Belorado

Ich verlasse das kleine Dorf schon sehr früh am Morgen. Die Landschaft hat sich gewandelt. Ich sehe keine Bäume und keine Weinberge mehr, nur noch Weizenfelder, soweit das Auge reicht. Endlose gerade Schotterpisten durchschneiden die karge Landschaft der wie Dominosteine aneinandergereihten Felder. Beinahe lila wirkt der morgendliche Himmel; auf einem der Felder entdecke ich ein aufgeschlagenes Zeltlager. Man fühlt sich frei in der offenen Landschaft, aber auch winzig klein. Ich habe das Gefühl, schon viele Kilometer hinter mich gebracht zu haben, dabei wird mir erst jetzt bewusst, dass die längste Strecke, der Weg durch die kastilische Hochebene, von Burgos bis nach León, erst vor mir liegt. Es ist so still hier, ich möchte den Atem anhalten. In der morgendlichen Idylle entdecke ich eine Pilgerin, auch sie ist alleine unterwegs. Wir plaudern miteinander, bis wird die nächste große Stadt, Santo Domingo de la Calzada erreichen. Hier trennen sich unsere Wege wieder und ich ziehe alleine weiter. Sehr gerne hätte ich mir mehr Zeit genommen, um diese schöne spanische Stadt zu entdecken, doch es ist noch früh am Morgen und ich möchte Zeit gewinnen, um nicht wieder dem Hitzeleiden ins Auge blicken zu müssen. 

In Grañón, der letzten Stadt der Rioja, beschließe ich, eine Cafépause einzulegen. Das niedliche Café am Hauptplatz spricht mich sofort an. Vintage-Innendekor und Musik der 20er sorgen für den perfekten Entspannungsmodus. Ich lasse meinen Rucksack auf den Boden plumpsen und versinke in einem der Stühle. Der spanische Café con leche revitalisiert mich innerhalb kürzester Zeit. Ich resümiere: In knapp 2 km beginnt die autonome Region Kastilien-León. Berichten zufolge, zählt der Camino entlang der Meseta zu den mühevollsten und eintönigsten Abschnitten der gesamten Wegstrecke. Es ist eine karge Landschaft, die Kornkammer Spaniens, mit nur wenigen Grünflächen. Die Winter sind rau und die Sommer infernal. Da ich bereits ein halbes Jahr lang in der autonomen Region Kastilien-León gelebt und studiert habe, kann ich aus Erfahrung sprechen. Trocken, karg und staubig…diese Adjektive beschreiben das Gebiet wohl am Deutlichsten. Im Geiste habe ich mich auf diese entbehrungsreiche Strecke schon eingestellt, dennoch bangt mir ein wenig davor, wenn ich an die über 200 km denke, die es zu überwinden gilt ehe sich das Landschaftsbild wieder verändert. Also verabschiede ich mich still von der fruchtigen weinseligen Rioja und blicke dem Unausweichlichen entgegen.

Weizenfelder, aufgetürmte Strohballen, vertrocknete Sonnenblumenfelder, ein wolkenloser tiefblauer Himmel über der Meseta – kein Klischee, sondern ab nun Realität. Es sind wieder viele Pilger unterwegs, die alle brav im Gänsemarsch den endlosen Wegen folgen. Was mich jedoch mit der Region versöhnt, ist die Tatsache, dass der Camino viele Dörfchen quert und es immer genügend Möglichkeiten für Pausen und Einkehr gibt. Zwischendurch bietet sich auch immer wieder die Gelegenheit, mit den Pilgernden ins Gespräch zu kommen. Richtig mühsam gestaltet sich dann erst die letzte Strecke von Villamayor nach Belorado, meinem heutigen Etappenziel. Die Sonne knallt erbarmungslos herab und zu allem Übel führt der Camino parallel an einer stark frequentierten Autobahn vorbei. Ich bin genervt und möchte einfach nur noch mein Ziel erreichen um mich endlich aus meinem verschwitzen Gewand herauszuschälen. Irgendwo hier muss es gewesen sein, als ich den Gummistoppel meiner Wanderstöcke verloren habe. Das klackernde Geräusch der Eisenspitze auf dem steinigen Boden, dazu die Hitze und das Dröhnen der vorbei rauschenden LKW´s lässt meine Laune in den Keller sinken. Nur der IPod kann mir noch das Leben retten. Lautstark, mehr schreiend als singend, gröhle ich die Lieder mit. Es ist mir absolut egal, was die anderen davon halten, denn ich muss meine Energiereserven aktivieren. Mir kratzt mein Hals vor lauter Schreien und dem Staub, den ich unfreiwillig dabei einatmen muss. Irgendwie schaffe ich es dann aber doch nach Belorado und zu meinem Hostel.

Die Unterkunft ist wunderschön, sehr modern und sauber. Sogar der Schlafsaal im Dachgeschoss wirkt hell und freundlich. Hier gibt es keine Stockbetten sondern freistehende Betten mit genügend Platz zu seinem Nachbarn. Da ich ja bereits schlechte Erfahrung mit schnarchenden Mitpilgern gemacht habe, bin ich halbwegs beruhigt, neben mir eine ältere Engländerin zu wissen, die mir verspricht, garantiert keine Bäume in der Nacht umzusägen. Die freundliche chica am Empfang notiert mir sogar vorsorglich einige Lokale in der Umgebung und nimmt mir meine Schmutzwäsche ab. Das einzige persönliche Manko sind die Unisex Sanitäranlagen, sprich Dusche und WC werden nicht geschlechtsspezifisch getrennt und befinden sich sogar in einem gemeinsamen Raum. Das hatte ich bisher noch nie und ich fühle mich ein wenig befremdet bei dem Gedanken, hier unbefangen die Hüllen fallen zu lassen, geschweige denn aufs Klo zu gehen, während nebenan eine männliche Spezies anwesend ist… In diesem Punkt muss ich noch viel lockerer werden – der Camino prüft mich, ich fühle es!

Nachdem ich mich zu 100% wiederhergestellt fühle, geduscht, erfrischt und meine verschwitze Pilgerkluft gegen sauberes „Zivilgewand“ getauscht habe, bin ich bereit, die Stadt zu erkunden. Immerhin habe ich bereits um 14:00 Uhr mein Tagesziel erreicht, somit bleibt genügend Spielraum um die Umgebung zu erforschen. Belorado ist eine reizende Stadt, die so gar nichts mit der staubigen Meseta gemein hat. Auf der plaza mayor finde ich eine gute Auswahl an Lokalen entlang der Arkadenbögen, mit Blick auf die Iglesia San Pedro. Es ist siesta und die Hitze legt sich träge über die Stadt während die Spanier ein Nickerchen halten. Für mich ist es unmöglich, zu dieser Tageszeit schlaf zu finden, selbst nach einem langen Tagesmarsch. Dafür genieße ich die Stille dieser Tageszeit umso mehr. Die Stadt gehört dann mir, bevor sie um 17 Uhr wieder zum Leben erwacht und alles ins Freie strömt. Ich nutze die Zeit, um meine nächsten Etappen zu planen. In zwei bis drei Tagen werde ich Burgos erreichen und meinen Mann endlich wieder sehen. Ich fasse es kaum, dass ich schon zwei Wochen lang, auf dem Camino wandere. Ob er eine Veränderung an mir feststellen kann? Ich hab bestimmt schon ein paar Kilo abgenommen und es ist mir nicht entgangen, dass sich schon genau dieselben peinlichen Socken-Sonnenabdrücke an meinen Beine abzeichnen, die ich immer nur bei anderen Pilgern beobachten konnte. Meine Haut wirkt schon jetzt wettergegerbt und stark gebräunt, wie werde ich erst zum Ende meiner Reise aussehen? Wie ein gegrilltes Schnitzel wahrscheinlich… Ich hänge meinen Gedanken noch eine Weile nach, beschließe dann, dem Ratschlag meiner hospitalera zu folgen und die Burgruine mit Blick über die Meseta zu besuchen und eine letzte Runde durch die Stadt zu drehen, ehe ich mich in meine Unterkunft zurückbegebe. Im Hostel ist schon einiges los, das Abendessen wird in der offenen Küche des Gemeinschaftsraumes vorbereitet. Erst jetzt entdecke ich, dass die Unterkunft auch einen kleinen Supermarkt beherbergt. Gut versorgt mit dem Nötigsten, bietet sich mir die Gelegenheit, mit meinen Mitpilgern ins Gespräch zu kommen. Es erstaunt mich immer wieder, wie unbefangen und einfach die Menschen hier zueinander finden. Die Atmosphäre im Hostel ist grandios, eine gemütliche Chill-area mit Pölstern und Büchern sorgt für entspannte Stimmung. Gerne lasse ich mich noch auf ein Abschlussgläschen überreden, bevor ich mich der Herausforderung stelle, im Schlafsaal eine geruhsame Nachtruhe anzutreten.

Mein Weg nach Santiago
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