Jakobsweg,  Spanien

Jakobsweg #16 – Kirchenbaukunst, Großstadtflair & El Cid

Auf dem Weg nach Burgos

Nur knapp 22 km Wegstrecke trennen mich von meinem Etappenziel Burgos, der ersten Großstadt die ich auf meiner Pilgerreise passieren werde. Schon während meiner Studienzeit in Spanien verspürte ich den großen Wunsch, der berühmten Stadt in der kastilischen Hochebene einen Besuch abzustatten. Bereits im Jahre 1037 forcierte Burgos zur Hauptstadt der vereinigten Königreiche Kastilien-León und spielte als Handelszentrum bis weit ins 16. Jhdt. eine wichtige Rolle. Als Etappenziel entlang des Camino francés ist Burgos vor allem für seine gotische Kathedrale Santa María bekannt. Für viele nimmt die Pilgerreise hier ihren Anfang, da die Etappen durch die Meseta, die kastilische Hochebene, einen gemächlicheren Start auf das rund 500 km entfernte Santiago de Compostela versprechen. Die Freude ist nun umso größer, da ich hier einen Boxenstopp und ein Wiedersehen mit meinem Mann plane. Raus aus der Pilgerkluft und ein wenig tourigrino spielen.

Auf dem Weg in die Zivilisation

Dementsprechend motiviert starte ich des Morgens auf dem Camino. Diesmal führt mich der Weg bergab, ins Talbecken, goldene Weizenfelder säumen das Landschaftsbild. Irgendwo in der Ferne meine ich die Stadt Burgos am Horizont entdecken zu können, vielleicht ist es aber auch nur eine Fata Morgana, bedingt durch die Sonnenspiegelung. Als wären wir mal wieder auf Klassenausflug unterwegs, ziehen die Pilgerströme im Gänsemarsch talabwärts. Somit dauert es nicht lange, bis ich mich wieder in Gesellschaft befinde. Nach den ersten Kilometern treffe ich in dem Örtchen Cardeñuela Ríopico im Café an der Hauptstraße erneut auf meine pellegrini italiani. Die scheinen wohl immer im richtigen Moment aufzutauchen, denn die letzten 12 km nach Burgos gestalten sich als äußerst mühevoll und langatmig. Vorbei an unspektakulären und hässlichen Industriegebieten, Vororten und der Schnellstraße, übersieht man schnell die gelben Hinweispfeile und so feuern wir eine multilinguale Fluchtirade auf die unübersichtliche Wegmarkierung ab. Mein Repertoire an italienischen Schimpfwörtern profitiert nachhaltig davon. Da der Weg auch immer nur schnurgeradeaus führt, die Sonne mal wieder herunterbrennt und die Schritte auf dem Asphalt immer träger werden, bin ich ehrlich erleichtert darüber, hier nicht alleine herumzuirren. Als wir endlich die Außenbezirke der Stadt erreichen, fällt die Orientierung wieder leichter. Übergroß prangt an der Hauswand das gelbe Symbol der Jakobsmuschel. Dennoch habe ich die Größe der Stadt mit einer Einwohnerzahl von rund 180 000 eindeutig unterschätzt. Da der Jakobsweg fast ausschließlich durch  kleine Dörfer und Städte führt, fühle ich mich etwas erschlagen ob des Großstadttrubels. Zur Belohnung fallen wir in die nächstbeste Tapasbar ein und gönnen uns kastilische Leckereien. Danach habe ich eine Mission zu erfüllen: ich muss mich „entpilgern“, neue Klamotten kaufen, mich von Kopf bis Fuß kultivieren, bevor ich meine bessere Hälfte treffe und einen auf Tourist machen kann.

Liegt erst einmal die mühsame Annäherung an das Stadtzentrum hinter einem, so verzaubert die Altstadt von Burgos mit seinen schattigen Alleen, den gemütlichen Cafés, der Flaniermeile, dem Paseo de Espolón entlang des Río Arlanzón, seinen eleganten Profanbauten, dem reichen Kulturangebot und natürlich der eindrucksvollen gotischen Kathedrale. Die in den Asphalt der Altstadt eingelassenen goldenen Jakobsmuscheln weisen mir den Weg in das Stadtzentrum, über die Brücke Puente de Santa María vorbei am Arco de Santa María, dem imposanten Stadttor. Nun bin ich endlich angekommen. Nachdem ich mich noch etwas mit meiner Navigation abmühen muss, finde ich dann doch noch meine Unterkunft Nähe der Plaza Alónso Martínez. Die Mittagshitze legt sich drückend über die Stadt. Wie sagt das Sprichwort hier so schön: Nueve meses de invierno y tres de infierno”Neun Monate Winter, drei Monate Hölle, eine ironische Anspielung auf das Wettergefälle in der kastilischen Hochebene welches mit sehr langen und kalten Wintermonaten, dafür aber mit einer kurzen und intensiven Hitzeperiode die Gemüter reizt. Spanien hat viele Gesichter, umso glücklicher stimmt es mich, auf meiner Pilgerreise so viele Eindrücke von Land & Leuten sammeln zu dürfen.

Pilgerskulptur vor der Catedral de Burgos

Ausgeruht und kultiviert geht es am Nachmittag auf Shoppingtour, durch die Altstadtgassen von Burgos. Mir gefällt das Flair dieser wunderschönen geschichtsträchtigen, aber dennoch belebten Stadt auf Anhieb. Vielleicht liegt es ja an der wochenlangen Pilgerschaft, die alle Sinne wachrüttelt und mich lehrt, offenen Auges meine Umgebung wahrzunehmen; aber es fällt mir neuerdings unglaublich leicht, mich in einer fremden Stadt zu orientieren, das Wegenetz der Altstadtgassen zu entwirren und markante Punkte im Geiste zu speichern. Auf der Plaza Mayor, dem neuralgischen Zentrum jeder spanischen Stadt, entspanne ich mich unter den Arkadenbögen bei einem Glas Wein. Mein Einkaufsbummel war erfolgreich! Die Stadt scheint wie geschaffen für die Pilgerströme – sämtliche Hygieneartikel werden im spanischen Beautytempel Sephora in minimalistischer Fasson, passend für den Rucksack, verkauft. Obwohl ich mir selbst versprochen habe, erst morgen einen Blick auf die Kathedrale zu werfen, kann ich dann zu später Stunde nicht widerstehen und so schlendere ich geschniegelt und gestriegelt zum Wahrzeichen der Stadt. Ein Prozessionszug setzt sich  just in diesem Moment, als ich die Plaza de Santa María  betrete,  vor der Kathedrale in Bewegung. In der sommerlichen Abendluft liegt der schwere Duft von Weihrauch, nur das Rauschen des Windes durchdringt den in andächtiges Schweigen gehüllten, rituellen Umzug. Stumm verfolge ich das religiöse Spektakel, danach umrunde ich einmal den Platz um die Kathedrale. Als Hispanistin weiß ich, dass die Kathedrale von Burgos nicht nur das Grabmal des Condestable Pedro Hernández de Velasco, des Obersten Heerführers Kastiliens und Stellvertreter des König beherbergt, sondern auch als letzte Ruhestätte des spanischen Nationalhelden Rodrigo Díaz de Vivar, ein kastilischer Adliger, kurzum El Cid (arabisch für sayyid = Herr) genannt, dient. Dieser forcierte im 11. Jhdt. zur emblematischen Leitfigur im Kampf der Christen gegen die maurischen Eroberer. Seine Ruhmestaten wurden im spanischen Nationalepos El cantar de mío Cid von einem anonymen Dichter für immer festgehalten und bildet seit Mitte des 17. Jhdts. Teil des Kanons der Weltliteratur. Hell beleuchtet erstrahlt das imposante Gebäude vor dem Hintergrund eines sternenklaren Nachthimmels, vor der Eingangspforte der Westfassade plätschert ein Brunnen. Morgen, so verspreche ich mir, werde ich die Kathedrale mit meinem Mann besichtigen und das Meisterwerk von Innen bewundern.

Impressionen sakraler Baukunst - Catedral de Burgos

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