Destino,  Jakobsweg,  Spanien

Jakobsweg# 18 – EntSPAnnung

Von León nach San Martín del Camino

Nachdem ich mich knapp eine Woche lang tapfer durch die Pampas, alias Meseta, geschleppt habe, fühle ich mich bei der Konfrontation mit der Großstadt León so, als hätte ich ein Schleudertrauma erlitten. Die elegante Hauptstadt der gleichnamigen Provinz mit ihren belebten Vierteln, den gewundenen Altstadtgassen, der imposanten Kathedrale und den Menschenströmen wirkt auf mich beinahe verstörend. Zu hart erscheint mir das Gefälle zwischen staubiger Einöde und Großstadtdschungel. Diesmal steht mir absolut nicht der Sinn nach Kulturprogramm. Mein einziger Wunsch ist es, mich von Kopf bis Fuß zu revitalisieren und die staubigen Schichten abzutragen. Logische Schlussfolgerung – ein Hotel mit Spa-Bereich muss her! Edles Pilgergemüt hin oder her – heute kann ich gut darauf verzichten, die bescheidene Pilgerin zu spielen – mein Ego akzeptiert das wohlwollend. Obwohl ich mir selbst versprochen habe, als Belohnung für all die Strapazen eine Übernachtung in Leóns famosem Hotel-Parador San Marcos zu gönnen, muss ich beim Anblick des Zimmerpreises pro Nacht dann doch schlucken. Zudem liegt es einige Kilometer abseits vom Stadtzentrum weshalb ich kurzerhand meine Pläne ändere. Das Glück ist mir hold und eine Alternative rasch gefunden. Direkte neben der Kathedrale gelegen, vergibt das Spa QH Centro León noch Restposten. Ich lotse mich mit Hilfe von Google Maps durch das Netz der Großstadt – diesmal vertraue ich der Technik, denn ich fühle mich zu erschöpft um mich an den gelben Pfeilen zu orientieren. Praktischerweise lotst mich meine Navigation an einigen Sehenswürdigkeiten vorbei, inklusive Kathedrale, die mir jedoch nur einen müden Blick abringen kann. Im Hotel angekommen, reserviere ich mir gleich den letzten Termin am Abend für das Spa, danach schicke ich meine gesamte Wäsche in die Reinigung und falle erschöpft ins Bett.

Abends treibt es mich dann doch noch für einen kurzen Spaziergang hinaus in die Altstadtgassen – zu betörend erscheint mir der Anblick der beleuchteten Kathedrale von meinem Fenster aus. Sie wurde im 13./14. Jhdt. im Stil der französischen Gotik erbaut und gilt als eine der schönsten Kathedralen Spaniens. Theatralisch wird sie abends durch das Scheinwerferlicht in Szene gesetzt und erscheint mir dabei noch imposanter, als jene in Burgos. Auf einer der Steinbänke vor der Kathedrale positioniere ich mich und bringe meine Gedanken zu Papier. Anschließend begebe ich mich auf die Suche nach einem guten Glas vino tinto in eine der unzähligen Bars im Barrio Húmedo. Ein wenig verloren fühle ich mich in der großen Stadt. Obwohl ich unzählige Pilger in der Menschenmasse ausmache, finde ich diesmal kein bekanntes Gesicht in der Menge. Etwas verloren resümiere ich: Soweit fühle ich mich wieder fit, gerne würde ich einen Ruhetag einlegen, jedoch treibt mich mein Pilgergeist weiter voran. In kürze hätte ich die autonome Region Castilla y León hinter mich gebracht und würde endlich wieder in grünere Gefilde eintauchen können. Schließlich entscheide ich mich für die Variante „Langes Ausschlafen und kurze Etappe“ um meinen Beinen etwas Erholung zu verschaffen.

Am nächsten Morgen erwache ich mit Blick auf die Kathedrale und knackigen 12°C. Das tückische Wettergefälle von „scheißkalt“ in der Früh bis „sauheiß“ unter Tags ist bezeichnend für die Region der kastilischen Hochebene. Nach einem ausgiebigen Frühstück starte ich gemütlich auf meine Tagesetappe, vorbei an der Basilika San Isidoro, dem Pantheon der Könige, dem Museo de León bis ich mich schließlich vor dem Parador-Hotel San Marcos wiederfinde. Was für ein Anblick! Das im Renaissancestil errichtete ehemalige Kloster erstrahlt mit überladenem Dekor auf der 100 Meter langen monumentalen Außenfassade. Die im Glanz des Morgenlichts funkelnden Goldpartikelchen sind die für Spanien gängige Dekoration im plateresken Stil und mir bereits seit meiner Studienzeit in Salamanca bekannt. Die mannshohe bronzene Pilgerstatue vor dem Gebäudekomplex blickt ehrfurchtsvoll die hohen Mauern empor. Und so stehe auch ich eine gefühlte Ewigkeit vor dem Parador und komme aus dem Staunen nicht heraus. Was für eine dekadente Opulenz! Bald führt mich der Weg wieder hinaus in die schmucklosen Vorstädte, vorbei an der Schnellstraße, bis das ländlich geprägte Bild wieder überhandnimmt. Der Camino hat mich wieder!

Da ich die im Reiseführer beschriebene Alternative verpasse, folge ich dem Weg entlang der Hauptstraße, neben mir rauschen die LKW´s vorbei. Wie gerne hätte ich jetzt wieder Gesellschaft… Noch ahne ich nicht, dass sich mein Wunsch schon an der nächsten Raststation erfüllt – denn da entdecke ich auf schicksalshafte Weise einen meiner peregrini italiani!!! Wir können es beide nicht recht fassen, dass wir uns in dieser abgeschiedenen Ecke wiedersehen. So ist der Camino – jeden Tag geschehen kleine Wunder! Lachend und wortreich bringen wir uns im bewährten Mix aus spanisch-italienischer Sprache auf den neuesten Stand der Dinge. Andrea berichtet mir, dass er sich während seiner Wanderung durch die Meseta den Fuß gezerrt hat und einige Tage Zwangspause, inklusive Arztbesucht in León, einlegen musste und dass seine Freunde inzwischen schon viele Etappen weitergepilgert sind. Folglich ist er nun ganz alleine, in gemächlicherem Tempo unterwegs und mooolto felice mich hier wiederzusehen. Das heutige Zusammentreffen ist der Auftakt einer außergewöhnlichen Pilgerfreundschaft mit einem weinseligen italienischen Weltenbummler, der mir nicht nur viel übers Leben, sondern vor allem über die schönste Region der Welt, natürlich Italien, zu berichten weiß.

Hinterlasse einen Kommentar

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei